Was bitte ist denn Obaku-Zen? Wir sind gewöhnt, Dinge zu beschreiben, indem wir sie von anderen Dingen abgrenzen. Die Betonung dessen, was trennend ist, fällt uns leichter, als ein Profil aus Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Ich möchte bei diesem Thema nicht dieser Gewohnheit verfallen, sondern eine Addition des Positiven wagen. Ist Obaku-Zen überhaupt buddhistisch? Keine Frage, diese Richtung des Zen fußt auf den Lehren Buddhas, und zwar nicht nur den leichten, sondern auch den schweren, den Gelöbnissen, Geboten und Handlungsorientierungen: 1. Stehle nicht! 2. Töte nicht! 3. Lüge nicht! 4. Verkehre nicht in unangemessener Weise sexuell! 5. Handle nicht mit Rauschmitteln! 6. Sprich nicht über die Fehler anderer! 7. Sei nicht zu stolz, andere zu loben! 8. Giere nicht nach dem Dharma (Lehre) und nach den Dingen (dharma)! 9. Zeige deinen Ärger nicht! 10. Verleumde die drei Kostbarkeiten (Buddha, Dharma und Sangha) nicht! Im Obaku-Zen werden diese Regeln sehr „scharf" ausgelegt, auch für Laien. Darum meinen manche, Obaku-Zen sei moralinsauer. Ja, wir haben eine gewisse Strenge, so wie Gotamo selber, der bei all seiner menschenfreundlichen Güte Klarheit und Disziplin an den Tag legte. Insofern ist Obaku-Zen sogar sehr buddhistisch, weil nicht nur die bloße wertfreie Übung des Zazen im Mittelpunkt steht, sondern auch die Lehre und das Gelöbnis des Gotamo, der als unübertroffener Lehrer uns die Lehre gebracht hat. Wir nehmen die „Dreifache Zuflucht" sehr ernst, und es genügt uns nicht, dies durch bloße Anwesenheit während eines Sesshins zu belegen. Zuflucht heißt auch geloben und bekennen und dies durch ein Einweihungsritual (Haaropfer mit Namensempfang) zu verbürgen. Warum gilt Obaku-Zen heute noch als „unreiner Zen"? Weil er die Forderung des Alltäglichen sehr ernst nimmt! Im Obaku-Zen ist alles Zen und alles und zwar wirklich alles kann zu Zazen werden, nicht nur das Sitzen, nein auch Abspülen, Fegen, Kochen, Beten, Rezitieren, Lehren, Ritualistik und natürlich auch das Gespräch. Warum sollte man im Obaku-Zen etwas ausklammern, was man im Alltäglichen bei anderen (Fuse) nicht in Frage stellen würde? Es kommt nur bedingt darauf an, was ein Mensch macht, vor allem das Wie und das Wozu ist von entscheidender Bedeutung. Darum integriert scheinbar Obaku-Zen auch Praktiken anderer Traditionen, vom Nembutsu, über die Mantren bis hin zu bestimmten Formen der analytischen und visualisierenden Meditation. Aber aus der Sicht der Obakushu sind das keine „fremden Traditionen", sondern ureigenste buddhistische Methoden. Na und? Was wäre daran unrein, selbst wenn es aus einer völlig anderen Religion stammen würde? Wenn man es mit einem „Zenherzen" tut, kann nichts, aber auch rein gar nichts die Lehre beschmutzen: Überall weiter klarer Himmel! Alle diese Praktiken der Obaku-shu sind Methoden der Zufluchtnahme, aber Zen, Zazen sind ohne die „wahre Zufluchtnahme" kein Zen, kein Zazen: Alle die, die sagen, dass sie Zazen üben, nehmen im Moment der Übung unweigerlich Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha. Zuflucht aber heisst: Wir nehmen nicht nur für den Moment der Übung Buddha als Lehrer, die Lehre und die Übenden ungeachtet ihrer Herkunft an und bedeuten Ihnen Respekt, sondern wir tun dies auch für unser ganzes Leben und versuchen den Übertrag über unser Leben hinaus (Karma). Wer diese fundamentale Zuflucht außer Acht lässt, übt kein Zazen, nein, ist nicht mal ein Buddhist, sondern übt einen häretischen und sophistischen Feinschliff. Das kann hilfreich und sogar tugendhaft sein, hat aber nichts mehr mit der Lehre Buddhas zu tun. Die gradlinige Klarheit der buddhistischen Lehre zeichnet die Obaku-shu aus, bei aller Toleranz. Aber warum mischt Obaku-Zen verschiedene Methoden? Der Staubbedecktheit wegen! Der Weg Buddhas hat seine Richtung in die Welt genommen, aus Mitleid, und nicht hinaus. Buddha hätte auch davon gehen können, als Glücklicher. Ist er aber nicht! Das Argument seines ersten wirklichen Schülers, dass die Lehre wichtig wäre für diejenigen, die mit „wenig Staub" bedeckt seien, war Anlaß für das große Heilsprojekt Buddhismus. Wir haben alle unsere verschiedenen Schichten Staub und jede Patina braucht ihre Lösungsmethode. Das Gebot der Zweckmäßigkeit (upaya) ist der Grund der Vielseitigkeit des Obaku-Zen. Jedem das ihm Notwendige und jedem nach seiner Geschwindigkeit. Eine Hauptregel in diesem Zen ist, der Überforderung aus dem Weg zu gehen, jedem missionarischen Eifer, sei es in Übung oder Lehre mit der Gelassenheit der Zweckmäßigkeit zu begegnen. Ultra posse nemo obligatur! Aber warum dann die Strenge im Obaku-Zen, wie geht das zusammen? Weil es eine Richtschnur, ein Maß, eine Grenze geben muß in dieser „inhärenten Existenz" von Schein und Wahrheit bzw. in der Absurdität dieser sich gegenseitig absichernden Anhäufungen einer konventionellen Weltsicht. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe und wird nur als Last empfunden, wenn man ihm widerspricht. Ohne dieses Maß wäre der Widerspruch in uns selber überhaupt nicht spürbar und eben darum auch unsere falschen Gewohnheiten nicht. Gotamo lehrte, dass in der Dualiät von Gewohnheit und Fremdheit Eigensinn entsteht: Die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten, autarken, individuellem Selbst. In der inhärenten Existenz (Illusion) dieser Selbstsucht entsteht die Dualität von Fürsorge und Selbstverteidigung. In Abhängigkeit davon wiederum Streit, Hass, Krieg und Verleumdung. In Abhängigkeit von Sympathie und Antipathie entsteht Streit. Was lieben und verteidigen wir anderes als unsere Gewohnheiten, unsere gewohnte Umgebung (Heimat, Glaube (Überzeugung), Besitz)? Jeder, der den Weg Gotamos verwirklicht, hat in die Hauslosigkeit zu ziehen - die inhärente Existenz des gewohnten Nestes (Komfortzone) zu verlassen. Es ist das Trainingspensum eines erwachenden Geistes zur Ausgeschlafenheit, was der Buddhismus anbietet, aber es taugt nicht zur gegenseitigen Bezichtigung und Maßregelung! Auch mit dem Regelbruch darf man im Samsara spürbarer umgehen als Zen-Buddhist und dennoch die Relativität der Regeln begreifen. Der Widerspruch liegt doch nicht in der Welt an sich, sondern in uns. Wer aber behauptet, das vergrößere nur die Dualität, verkennt demnach die Schleichwege der billigen Ausreden und alltäglichen Unachtsamkeiten. Ursachen und Wirkungen werden nur dann sichtbar in der Ausleuchtung der Gesetzmäßigkeiten, wenn wir das Licht dazu aus den Regeln unseres Zusammenlebens beziehen. Da ist kein Widerspruch zwischen Gelassenheit und Strenge, das ist Selbstzucht. Worin besteht denn die Besonderheit im Obaku-Zen? Dieser Zen ist nicht besonders. Er ist eben auch nur eine Entwicklung und die Stufe einer Entwicklung hin zur freien Praxis eines Bodhisattvas. Wir sind nicht perfekt und auch Siddharta war nicht perfekt. Erst auf dem Weg bekam sein Tun Vollkommenheit. So sind auch wir auf diesen Weg gestellt, um ihm gleichzutun, aber nicht als Nachfolger, Fans oder Nachahmer, sondern als „Selbstverwirklicher"! Darum sind „falsche" Meister „Gift", weil sie die Aufmerksamkeit auf das Unnotwendige (ver)leiten. Ein Guru sollte nicht vertrauen in sich, sondern in die Lehre (er)wecken! Er ist der „Türöffner- und wächter", aber doch nicht der „Führer" zum Glück! Er ist der Qualitätskontrolleur unserer eigenen Arbeit, der Markstein zwischen Konstruktivität und Egozentrismus. Gerade in Deutschland, mit seiner problematischen „Geschichte" ist ein „Führeridol" fatal und missverständlich und darum auch für den Buddhismus in Deutschland nicht akzeptabel. Meister, die diesen Anspruch erwecken, zum Anschein, aus Unachtsamkeit oder aus falschen Äußerungen heraus, sind abzulehnen. Meister, die es nicht verhindern, dass ein „Kult" um sie entsteht, sondern dies befördern oder sogar fordern, sind abzulehnen. Vertrauen in den Meister zu haben, ist wichtig und dennoch ambivalent, nicht nur in Deutschland, sondern auch in der buddhistischen Geschichte insgesamt. Epikurs Forderung „Lebe im Verborgenen!" (???????) ist ein Kriterium, an dem man wahre „Meisterschaft" messen darf. Diese „Rampenlichtmeister", die mit ihrer Selbstdarstellung den Blick auf den Dharma verstellen, sind dem Obaku-Zen ein Greul. Darum sind die Verhaltensregeln auch für Meister in der Obaku-shu sehr streng und werden überwacht. Meisterschaft enthebt nicht aus den Regeln der „Vinaya-Pitaka", nein, sondern verpflichtet um so mehr. Tetsugen Doko ( 1630 - 1682 ) wusste um und propagierte gegen das „Fehlverhalten" seiner Glaubensgeschwister und wurde darum zur beliebten Angriffsfläche anderer buddhistischer Gruppierungen. Dennoch blieb sein Auge unerschütterlich wach auf der Lehre ruhen, allen Schmähungen zum Trotz. Was können wir Buddhisten heute in Deutschland von der Obaku-shu lernen? Konsequent zu sein, in allen Belangen unseres Lebens! Nicht nur im Buddhismus „Mitgefühl und Entlastung" zu finden, sondern auch „Verpflichtung und Verantwortung" zu lieben. Übung ohne Dharma und Dharma ohne Gelübde und Gelübde ohne Wahrhaftigkeit sind bloßer Schein und ein weiterer Stein in der Gefängnismauer des Geistes. Zen ist nicht zu lösen von der Lehre Buddhas, auch wenn einige „Zen-Lehrer" anderes glauben machen wollen, oder zumindest nichts gegen diese falsche Annahme unternehmen. Die Lehre Buddhas aber ist nicht mit allen anderen Ansichten kompatibel, auch wenn westliche Praktiker, aus anderen Religionen kommend, anderes vermitteln wollen. Nur weil der Buddhismus einer nachvollziehbaren Erkenntnisstruktur folgt und keine Offenbarungsreligion mit Missionsanspruch ist, besitzt er dennoch eine Universalität und ist dennoch eine „Religion". Der religiöse Charakter wird in der Obaku-shu betont, auch wenn es fälschlicher Weise als Metaphysik stigmatisiert wird. „Religion" kommt von lat. „religio" und bedeutet „Richtschnur" und „Lot", aber auch „Wegweiser" und „Rückversicherung" bzw. „Sicherheit", „religio" aber geht viel weiter zurück auf das Verb „relegere", was wörtlich „wieder auflesen, wieder aufsammeln, wieder aufwickeln", im übertragenen Sinn „bedenken, Acht geben, berücksichtigen, beachten" bedeutet. Dogen drückte dieses Verhältnis am Entstehen des Bekenntnisgewandes des Mönches aus: „Es gibt folgende zehn Arten von weggeworfenen Stoffen: 1. von Ochsen gekaute, 2. von Ratten angenagte, 3. durch Feuer angesengte, 4. durch Menstruation beschmutzte, 5. im Kindbett verunreinigte, 6. einem Schrein geopferte, 7. auf dem Friedhof hinterlassene, 8. den Göttern im Gebet dargebrachte, 9. von königlichen Offizieren weggeworfene alte Uniformen und 10. von einem Begräbnis zurückgebrachte Stoffe. Dies sind die Zehn Arten von Weggeworfenen Stoffen, derer sich die Menschen entledigen; für die Gesellschaft haben sie keinen Nutzen mehr. Aber wir heben sie auf und machen sie zu einem reinen Stoff für das Kesa." (Dogen Zenji, 1240) Dieser Urbedeutung von Religion ist auch die Urbedeutung des Zen-Buddhismus und die Obaku-shu bemüht sich dies mit Wachheit, Klarheit und Demut beizubehalten. Aus: Seki Ishima Sensei: Leerreden an einen neuen Sangha! (Berlin 2004)
20 Februar, 2008 at 9:27 vormittags Hinterlasse einen Kommentar